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Warum erzählt jemand eine Geschichte? Neues ist nur zulässig, wenn wir es in unser Leben einbauen können. Beim Geschichtenerzählen und -hören geht es darum, Erlebtes in den gemeinsamen Raum der Kommunikation zu bringen. Mit Hilfe von Geschichten fassen wir die unglaubliche und bedrohliche Komplexität unserer Welt. An beispielhaften Abläufen, wie einer was erlebt hat, machen wir uns das Mögliche überschaubar und nehmen die chaotische Dämonie von unserer Zukunft. Das ist im Rotkäppchen genauso der Fall, wie im Homo Faber, bei den Simpsons oder bei Arabella und Hans Meiser. Erzählen stiftet ganz einfach Sinn, wir erkennen uns wieder. "Wer redet ist nicht tot", sagt Gottfried Benn. Das ist so trivial und tiefsinnig zugleich. Natürlich reden Leichen nicht. Aber es geht ja darum, sich selbst zu vergewissern, daß man lebt. Nur zu wissen, daß man nicht tot ist, ist eine arme Erkenntnis. Aber zu wissen, daß man lebt, bedeutet das ganze Universum. Lesen und Schreiben sind fortwährende Selbstvergewisserungen auf der einen Seite und Vergewisserungen über den Fortbestand der Anderen auf der anderen Seite. Somit versichert man sich der Sinnhaftigkeit des Daseins. Solange man im Kino, vor einem Buch, Computer, Lagerfeuer oder Fernseher die Erfahrung macht, die Anderen zu verstehen, solange weiß man, daß das eigene Handeln Sinn macht. So läßt sich eine prinzipielle Sinnlosigkeit auch aushalten. Dieser Bestätigung des Lebens sind auch diese Seiten gewidmet. Nur kann hier einfach nicht erzählt werden, wie im Kino, im Roman oder in der Talkshow. Wenn einer sich vor den Computer setzt, ist es was anderes, als wenn derselbe sich mit einem Buch in den Lehnstuhl setzt. Und wenn im Buch dasselbe stünde, wie auf den Internetseiten, so würde er doch was ganz anderes lesen. Das ist vor allem eine Frage der Herangehensweise und der Gewohnheit. Wenn man sich in den Lehnstuhl setzt, ist klar, man steht so schnell nicht wieder auf, macht es sich gemütlich, nimmt sich Zeit. Hinter dem Computer tickt der Gebührenzähler, der Chef kann jeden Moment um die Ecke kommen oder man wollte eigentlich nur schnell seine E-Mails abrufen. Computer sind Technik, haben keinen Charme, wie Bücher. Noch nicht. Das ändert sich. Unsere Gewohnheiten ändern sich mit der Technik. Hier soll Erzählen, auch im Unterschied zum Buch, aktive Kommunikation herbeiführen. Dazu eignet sich das Internet viel besser als jeder Tanzabend. Aktionen auf neeneenee.de haben schon so manche Menschen vorerst virtuell zusammengeführt: Deutsche, Österreicher, Koreaner, Amerikaner, Tschechen, Bulgaren, Südafrikaner, Niederländer. In diesem Sinne wird in Zukunft z.B. mit Lesungen versucht, aus dem virtuellen Raum in den realen Raum zu treten. Weiterhin wird hier versucht, dem Medium in seinen Möglichkeiten von Text, Ton und Bild gerecht zu werden. Es wird keine Computerkunst, keine Computerliteratur entstehen. Eher finden hier herkömmliche Elemente zu neuen Elementen. Das ist keine Literatur. Hier ist Bestätigung des Daseins: für mich, für dich, für uns. Gilbert Dietrich |