Lyrische Gedanken
Nehmen wir für einen Augenblick an, dass es Gedichte gibt, die etwas von uns wollen. Wir entdecken sie vielleicht eines Tages irgendwo weit vor uns, am Horizont, dort, wo Himmel und Erde aufeinander treffen. Sie sind vielleicht klein und kaum zu erkennen, wir können keine Einzelheiten an ihnen wahrnehmen, wir wissen nur, dass sie da sind und uns etwas zurufen. Aber um sie zu verstehen, dazu sind wir noch zu weit entfernt. Solche Gedichte können uns vielleicht über Jahre hinweg immer wieder in den Blick fallen und dann sehen wir, wie sie inzwischen näher gekommen, deutlicher geworden sind. Sehen, dass wir selbst uns auf sie zubewegt haben und sie nun intensiver, bewusster wahrnehmen können als zu Beginn.

Andere Gedichte verändern mit der Zeit, was sie uns sagen wollen. Sie sind gleich ganz nah und wir denken, wir hätten alle ihre Worte gehört, alle Bedeutung ihnen entlockt. Aber weil wir sie als Lebendige behandeln, gewinnen sie neue Worte hinzu, neue Zwischenräume, die wir vorher nicht bemerkt haben. - Dann, nur dann gehen sie mit uns, durch jeden Wald, an jedem Haus vorbei, rasten mit uns, treiben uns manchmal auch an, trösten uns manchmal.

Was sie von uns wollen? Nun, vielleicht kann man so sagen: Sie wollen, dass wir uns mit ihnen verbinden, dass wir ihr Leben aufnehmen, es in uns hineinfließen lassen, und dass wir ihnen von unserem Leben, soweit es schon ist, dazugeben, unsere Schicksale zu den ihren legen und so aus einem einfachen Vierzeiler vielleicht einen ganzen, starken Gedichtzyklus machen. Sie wollen, dass wir ihnen unseren Atem geben, so wie sie uns ihren gegeben haben. Sie erzählen uns von Erinnerungen und Erfahrungen, von kleinen Dingen, die wir ohne sie vielleicht niemals bemerkt hätten. Sie wollen zu Namen werden für alles, was Namenloses geschieht mit und in uns, sie wollen Stimme sein für unsere Gedanken und Zuversicht für unsere Sehnsüchte. Sie sprechen etwas aus, das womöglich schon lange ungeduldig in uns war, irgendein angestautes Wissen, das nicht abfließen konnte, zu gären begann und schlecht zu werden drohte.

Das ist ein zu hoher Anspruch? Ein Anspruch, der nicht zeitgemäß ist, dem vor allem die wenigsten Gedichte entsprechen? Ein Anspruch, der alle anderen Möglichkeiten, was Gedichte noch sein könnten, wollen könnten, außer Acht lässt? Einer, den wir überhaupt nicht hören oder vermitteln können, weil er uns übersteigt? Vielleicht. Und dennoch ist es der einzige Anspruch, in dem wir uns aufgehoben wissen, ganz, der uns nicht auftrennt in unsere Einzelteile, so wie wir oft genug Gedichte in ihre Einzelteile auftrennen und meinen, wenn wir jedes für sich begriffen haben, wüssten wir das gesamte Gedicht.

Rainer Maria Rilke sagt in seinem Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge: "Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt." Für ihn sind Verse weder: nur Gefühle, noch: nur Gedanken, noch: nur Erinnerungen. Sie sind all das zusammengenommen, verwandelt und verbunden in uns selbst, sie sind der Ausdruck unseres Blutes und unseres ganzen Daseins, das uns durchströmt. - Und wenn sie das sind, könnte man folgern, dann ist mit ihnen auch viel getan: An wem? An den Dingen. An der Natur. An der Welt. Am Leben. An den Menschen. Und hoffentlich, hoffentlich auch an ihnen selbst.

Frank Reinhard betreut Lyrikon. Von ihm ist erschienen: DEN MORGEN HINEIN BALLT SICH DIE WAHRHEIT ZUSAMMEN.