Es gibt viele Arten, Gefühle auszudrücken. Meinen momentanen Gemütszustand würde ich als schockiert, vielleicht auch einfach nur irritiert, oder auch deprimiert bezeichnen. Es wird an dieser Stelle schon ersichtlich, dass mich scheinbar etwas aus der Fassung gebracht hat. Die Frage nach dem "Warum?" und der Ursache werde ich im Folgenden erläutern.
Vor wenigen Minuten erst erloschen sämtliche Geräusche um mich herum, die grellen Lichter sehe ich noch für einige Sekunden im Dunkel des Zimmers. Der Applaus und das tönende Geschrei eines ausgeflippten Publikums, das scheinbar nur pfiff und schrie, um sich dann zu Hause herauszuhören und zu rufen: "Das bin ich! Hörst du das? Das ist meine Stimme!!!", hallt noch immer in meiner Ohren. Doch ich hatte die Macht, diese "Störungen" mit nur einem einzigen Knopfdruck aus meinem Leben zu befördern. Bis auf ein Neues. Über dem Knopf auf der Fernbedienung steht nicht umsonst "Power".
Manchmal wünsche ich mir, ich könnte die Menschen auch einfach so ausknipsen. Sie einfach aus meinem Sichtfeld schaffen. Bei so vielen ernsten Gesichtern, die mir täglich auf der Straße begegnen, ist das nur allzu verständlich.
Doch zurück zu der Ursache meiner Depressionen. Es kann jedem passieren. Auch mir. Ich bin ein Opfer der Medien geworden. Schlimmer noch: Opfer einer Gameshow. Opfer, weil diese mir die Augen geöffnet hat. Und diese neue Sichtweise auf die Welt ist erschreckend.
Sicherlich ist es mir nicht neu, dass die Welt von Geld regiert wird. Aber WIE, das war mir neu. Da gibt es also eine Show, bei der nur solche Menschen als Kandidaten ausgewählt werden, die sowieso schon Geld in ihrem "normalen" Leben, also außerhalb der Scheinwelt einer Gameshow, gewonnen haben. Natürlich können sie dort noch mehr Geld gewinnen. Abgesehen von dieser unfairen Auswahl der Kandidaten, frei nach dem Motto: "Wer reich ist, kann nie reich genug sein, wer arm ist...naja, da hat's halt nicht sollen sein!", ist die Sache mit dem "Trostpreis" erst recht das Letzte. Als Trotspreis für die Aussteiger gibst dann eben mal 50.000 DM. Na, wenn das mal nicht tröstet...
Und das der Gewinner am Ende die Million gewinnt ist nur eine zwangsläufige Folge davon, dass der Trostpreis ja wirklich als Trostpreis gelten muß. Sonst würden sich die Leute ja noch über 50.000 DM freuen! Unverantwortlich!
Und jetzt im Ernst: Ist es nicht ekelhaft und traurig zugleich ansehen zu müssen, mit welchen überdimensionalen Geldbeträgen die Sender um ihre Zuschauer werben? Gibt es denn gar keine Grenzen mehr?
Am aller schlimmsten ist dabei jedoch die Tatsache, dass es hier, in unserem Land passiert. Denn es ist traurig, aber wahr: Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, in der die Schoßhunde vor Verfettung eingehen, während anderswo die Menschen vor Hunger sterben.
Mich hält nicht mehr viel in Deutschland, aber noch werde ich einige Jahre hier verbringen. Tage und Nächte. Aber diese Nacht werde ich nicht einschlafen können, meine Gedanken sind zu aufgewühlt. Darum stöbere ich ein bischen in meiner Büchersammlung auf der Suche nach etwas zum Ablenken. Na bitte. Goethe. Warum nicht.
Ich schlage das Buch irgendwo in der Mite auf. Meine Augen fixieren die Wörter eines Satzes, der mich zumindest für diese Nacht von der traurigen Wahrheit befreien soll:
"Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt."
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