Das Leben, ein Assessment-Center
Anmeldung: Können Sie sich sparen, die Teilnahme ist sowieso verpflichtend.
Zeit: alltags wie feiertags, ganztägig. Lebenslänglich.
Ort: flexibel. Wo immer Sie sich aufhalten.
Seit einiger Zeit macht sie sich überall wichtig, diese Denke. Sie drängt uns jeden Tag in eine Richtung, das Luder, Millimeterchen für Millimeterchen macht sie aus uns andere, und wir finden das noch ganz normal oder kommen uns mordsfortschrittlich vor.
Es ist die Ver-Assessment-Centerisierung, die überall mitmischt, in allen Lebensbereichen. Es ist, dass es nicht mehr nur ein einzelnes Bewerbungsgespräch ist, ein von mir aus eintägiger Hindernis-Parcours, an dem wir die brillantesten, elegantesten, gewitztesten und originellsten Bocksprünge präsentieren sollen: Die Selbstoptimierung und -vermarktung nimmt einfach kein End' mehr.
Sicher ist es logisch, dass man sich selber, wenn's drauf ankommt, bestmöglich verkauft, sich so teuer verscherbelt, wie man's eben hinkriegt. Das dauert maximal ein paar Stunden, dann atmet man durch, geht auf ein Bier, macht sich drüber lustig und ist wieder einfach so, wie man halt einfach von selber ist. Man hat ein bisschen herumtheatert, und dann legt man die Rolle wieder ab: Die Hinterbühne hat einen wieder.
Wir aber, flexible Kinder der Informationsgesellschaft, vergönnen uns die Hinterbühne, den Nebenschauplatz, nicht mehr. Meterweise erscheinen Bücher, die uns alle das selbe einimpfen: Du musst Dich schon als Marke positionieren! Was, mein lieber Schwan, ist Deine Botschaft? Ha? In zwei Sätzen, wenn's leicht geht? Wie stehen Deine Ich-Aktien? Führst Du Dich wohl eh schon wie eine GesmbH? Also steigen wir aus dem Stück, das zeitweise ja ganz gut passt, nicht mehr aus, legen die Rolle, die wir uns halt zugelegt haben, weil sie nützlich ist, nicht mehr ab. Lauter verschiedene Stücke, Berufs- und Freundesstücke, Liebesstücke, Tandelstücke, Tag-, Abend- und Nachtstücke wären ja okay. Aber immer nur ein und die selbe Gattung immer nur durchgestylte, in sich stimmige, marktgerechte Herzeigstücke?
Es geht plötzlich nicht mehr darum, in einer vorübergehenden Situation zu glänzen, sondern es geht um nicht weniger als das gesamte Leben, die Person als Ganze. Sie wird zu Markte getragen und muss daher optimiert werden. Will heißen: Brauch- und verwertbare Eigenschaften ausbauen, verstärken, betonen, bewerben. Alles andere: Weg damit. Möglichst ... vergessen, verändern, eliminieren, überspielen, verschweigen, scheißegal. Auf jeden Fall dürfen sie nicht sichtbar werden, besser ist aber, man schaut dazu, dass man sie los wird, weil sie ja doch dann und wann durchbrechen und sich ungünstig auf das Fortkommen auswirken könnten. Und bestimmt gibt's auch für deine überflüssige Eigenschaft ein günstiges Fleck-Weg-Seminar, vielleicht hilft auch NLP.
Es geht nicht mehr zu sagen: Ich mach' meinen Job so, dass es hinhaut, und was ich danach und sonst mach, geht niemanden was an. Ja, was soll denn das? Personalchefs beanspruchen sehr wohl zu erfahren, was man in seiner Freizeit so treibt. Hat man Beschäftigungen vorzuweisen, die a) Kommunikationsfreude beweisen (auf Einsiedeleien ist man nicht gar so neugierig), b) ein aktives Leben, geiste Regheit und Spaß an Herausforderungen demonstrieren, c) auf keinen Fall aber zu gefährlich sind, das lässt Zweifel am Verantwortungsgefühl und an der Priorität des beruflichen Engagements aufkommen, d) es an Originalität nicht missen lassen, e) allzu ausgefallen doch wieder nicht sind, seltsame Vögel, mitunter gar halbe Esoteriker ... passen halt einfach nicht in die Zeit.
Notwendigkeiten des Informationszeitalters: Die gesamte Persönlichkeit und die soft skills geben immer mehr den Ausschlag. Der Lebenslauf soll Flexibilität, Kontaktfreudigkeit, Unternehmungsgeist, wasweißichnochalles beweisen, man braucht ja nur einen Job-Anzeigenteil aufzuschlagen, wenn man sich damit bis oben hin abfüllen will.
Dazu kommen Regeln, die in einem System, das Informationen en masse besitzt, halt durchaus Sinn machen: Botschaften kurz und prägnant rüberbringen zum Beispiel. Und möglichst nur eine, nicht mehr, damit die wenigstens hängen bleiben kann anstatt gar nix.
Das bedeutet für den stinknormalen Alltag: Auch du hast nur mehr kurz Zeit, um dich vor- und darzustellen. Wahrscheinlich lernen wir heute im Lauf eines Lebens mehr Leute kennen, als das je zuvor der Fall war. Wir finden uns ja dauernd in neuen Jobs wieder, in Netzwerken und sonstwas, wir ziehen x-mal um. Auf Dauer ist nix, im Gegenteil, man weiß: Allzu lang dauert mein Gastspiel hier nicht und sonst auch nirgends. Also: Schnell heraus damit, wer man ist, rasch-rasch in Szene gesetzt, wer man sein und wie man behandelt werden will. Oute dich! Drauf zu vertrauen, dass sich die Dinge schon mit der Zeit ergeben werden, ist heute keine sehr fitte Strategie.
Man hockt also mit jemandem erstmals an einem Tisch, irgendein Gesprächsthema, und schon in den ersten Minuten entscheidet sich, ob man weiter im Spiel ist oder nicht. Man sollte bald was sagen. Schneller, als erster. Falls versäumt: lauter (bewährt sich immer wieder). Einfach reinreden, lauter reden, beharrlich weiterreden. Ist man hiebei wirklich konsequent, hört der andere irgendwann auf. Tut er es nicht, hat man sich nicht genug bemüht. Und damit sich die Mundfusslerei auch lohnt: möglichst was Drastisches sagen. Entweder eine starke Wortwahl, oder eine kräftige Meinung. Langmächtige Argumente, Ausführungen über mehrere Sätze kann man sich sonstwohin schmieren. So lang hört keiner zu, es ist einfach zu fad; noch weniger merkt sich's einer. Und, tue man sich doch den Gefallen und verplempere seine Mittagspause nicht damit, mit No-Names über Banalitäten zu plauschen. Schaue man g'scheiter, dass man neben Leuten zu hocken kommt, die was zu sagen haben, die hoch im Kurs stehen, die wer sind und noch was werden könnten. Dann wird man vielleicht auf ihre nächste Party eingeladen, wo ja weitere gute Leute...
Die Vermarktungs-Imperative volle verinnerlicht, ordnen wir all unser Wesen den Erfordernissen der Vorderbühne unter. Wie begünstigen an uns selber bestimmte Eigenschaften und unterdrücken andere. In der Folge gehen ganz nach darwinistischem Gesetze - auch bestimmte Menschenschläge einfach drunter. Zum Beispiel die Nachdenklichen. Wen interessiert heute bitte ein Nachdenklicher? Das ist einfach zu langsam, zu langweilig, zu unentschieden. Sich schnell auf was festlegen und das mit harten Worten durchverteidigen das ist das Gebot der Stunde. Wenigstens hat man dann irgendeine Position, und sei sie noch so idiotisch, zumindest hat man sich also Erkennungsmarken zugelegt. Das bringt mehr, als unerkannt und ohne durch die Gegend zu hirschen. Differenzieren, abwägen das ist gar nix. Es ist nicht einzuordnen, man gehört damit genau nirgends hin und fällt durch alle Raster.
Das selbe ist es mit den Ruhigen. Ruhig = hat nichts zu sagen = farblos = ein bissi beschränkt undsofort. Wer keine Lust hat herumzuschreien, wird halt nie wo irgendeine Aussage ablaichen. So leise ist es nie. Und fragen tut auch keiner. Schon gar kein zweites Mal. Lärmt ja sonst genug rundherum. Irgendwann stellt man fest, dass sie unbemerkt entschwunden sind.
Doch halten wir uns nicht mit diesen Schlaffis auf. Dafür gibt's so viel schönes Anderes! Schnellschuss-Stakkati. Hauchdünne Meinungs-Abziehbilder, in allen Farben, und den leuchtendsten. Schwarzweiß-Malereien. Was man will und wie viel auch immer man davon will.
























