Der Herausgeber: so'ne Art Prolog, den man besser nicht liest!
Der eigentliche Held der RKK-Geschichte ist Herr Michael Schmitz. Mein Entdecker. Der gefällt mir sowieso. Den finde ich sogar ganz entzückend:
RKK-Geschichte I
Am Anfang des Jahres 2000 saßen der Herr Michael Schmitz und ich in einer Literaturlesung. Ein junger Schriftsteller las seine Texte vor, die er in einer einführenden Rede als Collagen vorgestellt hatte. Es sollten darin ganz verschiedene Stilrichtungen und Sprachschichten und Wortwahlverfahren und Zeitgebundenheiten miteinander kommentierend verbunden werden. Ineinandergeschnitten, coverversioniert, neu geordnet, rekontextualisiert und so weiter. Das alles klang für uns ganz vielversprechend.
Leider war die Lesung unglaublich schlecht. Und zwar in allen erdenklichen Hinsichten. Man war nicht in der Lage, beim vorgelesenen Text eine Stilrichtung, Zeit, Autorenschaft oder Ähnliches auszumachen. Man konnte bei den Coverversionen das Original nicht mehr erkennen. Es war außerdem unmöglich, festzustellen, wo die Schnitte gesetzt sein sollten. Es handelte sich um einen einzigen Klumpatsch aus Wörtern, der weder irgendwie gut oder interessant klang, noch in irgendeiner Form verständlich war.
Noch dazu wurde er in einer derart trantütigen Tonlage vorgetragen, dass das gesamte Publikum sichtlich Mühe hatte, wach zu bleiben. Die Langeweile versuchte, sich auszubreiten und über den Raum zu legen, doch die Zuhörerinnen und die Zuhörer setzten ihren Langeweilevermeidungs-mechanismus für schlechte Lesungen in Gang, der schematisch etwa so aussieht:
Irgendwann wird einem die Lesung zuviel.
Dann taxiert man zur Abwechslung seinen Nachbarn und denkt dabei an Arme oder Reiche.
Irgendwann werden einem die Armen oder Reichen zuviel.
Dann schlägt man zur Abwechslung ein Bein übers andere und denkt dabei an die Zukunft oder die Vergangenheit.
Irgendwann wird einem die Zukunft oder die Vergangenheit zuviel.
Dann steckt man sich zur Abwechslung eine Zigarette an und denkt dabei an die Liebe.
Irgendwann wird einem die Liebe zuviel.
Dann dreht man zur Abwechslung sein Gesicht zum Fenster hin und schaut dabei in den Himmel.
Irgendwann wird einem der Himmel zuviel.
Dann erinnert man sich zur Abwechslung wieder an die Liebe und denkt dabei an Schwangerschaft.
Irgendwann wird einem die Schwangerschaft zuviel.
Dann fragt man sich zur Abwechslung warum und denkt dabei an Deutschland.
Irgendwann wird einem Deutschland zuviel.
Dann denkt man zur Abwechslung an Flucht und wünscht sich dabei in sein Auto.
Irgendwann wird einem dieses Wünschen zuviel.
Dann nimmt man zur Abwechslung einen Schluck von seinem Getränk und denkt dabei an Verrückte oder an die Familie.
Irgendwann werden einem Verrückte oder die Familie zuviel.
Dann hört man zur Abwechslung wieder bei der Lesung zu und denkt dabei an die Kunst.
Irgendwann wird einem die Kunst zuviel.
Dann fragt man sich zur Abwechslung, was besser ist als die Kunst und denkt dabei an Sex oder ans Essen.
Irgendwann wird einem der Sex oder das Essen zuviel.
Dann weiß man zur Abwechslung auch nicht mehr weiter und verspürt einen leichten Hass.
Irgendwann wird einem der Hass zuviel.
Dann bemerkt man zur Abwechslung die schlechte Luft, bekommt Atembeschwerden und denkt dabei an Nazis oder an den Tod.
Irgendwann werden einem Nazis oder der Tod zuviel.
Dann rutscht man zur Abwechslung mit dem Hosenboden auf seinem Stuhl hin & her und denkt dabei an Gott oder an die Sterne.
Irgendwann ist die Lesung vorbei.
Dann schaltet man seinen Lageweilevermeidungs-mechanismus aus und kommt zurück auf die Erde.
Mitten in dieser innerlichen Stimmung schaltete sich ein Kühlschrank ein und unterlegte den müden Vortrag mit einem Brummen, das von einem Freund des Grotesken wie dem Herrn Schmitz nur als ironischer Kommentar aufgefasst werden konnte. Da ich ihn gut kenne, sah ich sofort, wie er auf seinem Stuhl immer nervöser wurde und, wenn ich nichts unternähme, über kurz oder lang allen Lesungen und Langeweilevermeidungsmechanismen im Raum mit einem heftigen Lachanfall ein vorzeitiges Ende setzen würde. So stellte ich ihm also mein Mineralwasserglas auf den mächtigen Kopf und machte mit dem Zeigefinger eine Geste, die bedeuten sollte, dass er jetzt bitte den Rest der Lesung mit geradem Rücken stillsitzend zu absolvieren habe.
Das tat er auch ganz artig. Nicht etwa, weil ich für ihn besonders viel Autorität hätte, sondern weil er auch keine große Lust auf langwierige erklärende Diskussionen mit Literaturlesungsveranstaltern und Liebhabern der Langeweile hatte. Er war mir ein bisschen dankbar. Wenn man das so sagen kann.
Zum Glück war kein anderer Freund des Grotesken anwesend. Er wäre sonst beim Anblick des dem Brummen lauschenden, ein Mineralwasserglas auf dem Kopf balancierenden Herrn Schmitz unrettbar verloren gewesen.
Es ging alles gut.
Langweilige Lesungen sind nur scheinbar endlos.
In Wirklichkeit hören sie irgendwann auch einmal von ganz alleine auf.
Nach dem Vortrag arbeitete der Kühlschrank noch eine Weile weiter. Das Publikum begann aufzustehen und durcheinander zu reden. Herr Schmitz nahm sich das Glas vom Kopf, gab es mir zurück, streckte sich, sagte: "Jetzt hätte nur noch das Brummen effektvoll mit dem letzten Wort aufhören müssen, dann wär's perfekt gewesen." Und begann zu lachen. Befreit.
RKK-Geschichte II
Noch am selben Abend unterhielten wir uns über all die Zeitungen, die es in Berlin gibt, und welche davon zum Lesen geeignet seien. Ich musste zugeben, dass ich ein Tagesspiegel-Abo hatte und diese Zeitung für den Hausgebrauch auch ganz in Ordnung fände, worauf sich der Herr Schmitz zu einem so umfassenden Tagesspiegelverriss aufgefordert fühlte, dass ich überhaupt keine Chance mehr sah, eine Verteidigung anzubringen. So ist er, der Herr Schmitz, er ist unerbittlich. Seine Kritiken, woran auch immer, sind wasserdicht und sehr sehr stark.
Aber außerdem ist er noch lieb. Wenn er gewonnen hat, ist er sogar regelrecht großzügig. Denn als er bemerkte, dass er mich vollständig an die Wand argumentiert hatte, gab er mir selber eine kleine Tagesspiegelehrenrettung in die Hand. Die Restaurantkritiken von Elisabeth Binder, sagte er, die würden ihn an jedem zweiten Sonntag doch wieder mit dem Tagesspiegel versöhnen. Zumal es sonntags sowieso keine akzeptable Alternative zum Tagesspiegel gebe, und er nun einmal ein Zeitungsjunkie sei.
Ich war ehrlich sauer auf den Herrn Schmitz, der mir meinen schönen Tagesspiegel miesgemacht hatte. Ich war ehrlich geknickt, dass ich Herrn Schmitz' lustvoller Kritik auch noch Recht geben musste.
Am nächsten Sonntag, ein Elisabeth-Binder-Tag, las ich ihre Restaurantkritik ausgiebig. Dann schrieb ich dem Herrn Schmitz, in der Hoffnung, ihn ein bisschen zurückzuknicken, eine Elisabeth-Binder-Kritik in Form einer Textcollage:
1.2
# Auf Saetze wie
#
# > Ach, wie das
# > Dienstleistungsparadies an unerwarteten
# > Ecken im Verborgenen blueht.
#
# oder
#
# > [Kissen] auf dem
# > Boden, auf die sich im Laufe des Abends
# > junge Leute niederliessen, deren Appetit eher
# > aufeinander denn auf die essbaren
# > Spezialitaeten des Hauses gerichtet schien
#
# hab ich ja mein Leben lang gewartet.
#
# Ich glaub' ich bleib trotzdem bei meiner
# Vorliebe fuer den Wirtschaftsteil, da
# stehen liebe, belehrende und erbauende Saetze
# drin:
#
# > Wer nur in die Buecher schaut, verletzt seine
# > Pflichten.
#
# Genau!
Zu meiner Überraschung war der Herr Schmitz nicht sonderlich geknickt über diese vernichtende Kritikcollage. Im Gegenteil. Er antwortete sogar ein bisschen dankbar. Wenn man das so sagen kann:
1.3
> Nun ja, ich gebe zu, daß ich in letzter Zeit
> mitunter auch schon mal
> Zweifel an Elisabeth hatte. Vielleicht habe ich sie
> zu sehr verehrt und
> dabei über manches hinweggesehen... . Du weißt
> ja vielleicht, wie so
> etwas gehen kann...
>
> Übrigens war es mir am Sonntag gelungen, den
> Tagesspiegel NICHT zu
> kaufen, was ich nicht allzu oft schaffe. Vielleicht
> hilft mir Deine
> Kritik an E., das demnächst immer so zu halten.
>
> Hab' auch schon halb' beschlossen, die BERLINER
> ZEITUNG abzubestellen.
> Nicht daß ich von ihr enttäuscht wäre. Aber ich
> denke doch jetzt öfter,
> daß es eine schlechte Angewohnheit [ist], jeden
> Morgen die Zeitung zu lesen,
> zumal, wenn man, wie ich, meistens 'ne Stunde
> oder so damit zubringt.
>
> Ja, so will ich sein! Mit kristallener Härte alle
> meine Süchte besiegen,
> selbst die harmlos scheinenden. YEAH...
Daraufhin wurde ich regelrecht großzügig. Weil man einem Freund bei der Bekämpfung seiner Süchte helfen sollte, schickte ich ihm prompt am nächsten Sonntag wieder eine in Collagenform gehaltene Kritik der Restaurantkritik aus dem Tagesspiegel, damit er es noch einmal schafft, ihn nicht zu kaufen.
In meiner Listensucht, gegen die ich auch gar nichts unternehmen will, verlangte ich noch in einem kleinen Nebensatz nach einer Liste seiner Süchte. Seine Antwort war ermutigend:
1.4
> Lieber Herr Thomas,
> da scheint sich für Dich ja ein ganz neues
> Betätigungsfeld aufgetan zu
> haben: das Restaurantkritikkritisieren. Übrigens
> gibt es in der Berliner
> Zeitung auch Restaurantkritiken (Samstags) und
> auf den Berliner Seiten
> der FAZ neuerdings anscheinend auch: ich
> erwarte Berichte. Andererseits
> hat meines Wissens keine Zeitung eine
> Restaurantkritikkritikrubrik. Das
> muß sich ändern. Ich "halte dafür"
>(F. Müntefering), daß Du der erste
> Restaurantkritikkritiker wirst.
>
> An einer Liste meiner Süchte arbeite ich, weiß
> aber noch nicht, ob ich
> sie Dir zugänglich machen sollte.
Nachdem ich noch ein paar Mal um die Liste seiner Süchte gebettelt hatte, meinte Herr Schmitz, dass er bereit sei, sie mir zu geben, wenn ich ihm dafür zehn weitere Restaurantkritikkritiken schreiben würde.
Also restaurantkritkkritisierte ich; - verband kommentierend Stilrichtungen und Wortwahlverfahren, schnitt ineinander, ordnete neu, rekontextualisierte und coverversionierte.
Das blieb nicht lange unbemerkt. Viele meiner Freunde und Bekannten wollten meine Restaurantkritikkritiken auch geschickt bekommen. Sie erzählten es weiter, sodass ich bald ein monatliches E-Mail-Journal daraus machte, das jeder kostenlos abonnieren kann.
Nach zehn RKKs bekam ich endlich die Liste der Süchte des Michael Schmitz. Der letzte Listenpunkt lautet:
1.5
> Restaurantkritikkritiksucht
Die RKK hatte sich zu einem Journal entwickelt, das suchterzeugend wirkt!
Aber das wissen nur meine Abonnentinnen.
Aber das wissen nur meine Abonnenten.
Aber das werden Sie nur wissen, wenn Sie abonnieren.
Mit freundlichen Grüßen
ThoGo. -------------------------------------------------------
Wörter, die ich nicht unterbringen konnte: 'Kampfhunde' und 'Präsidenten'
RK = RestaurantKritik
RKK = RestaurantKritikKritik
x.y = x-tes Zitat aus y-tem Text
Werbewebsite: Http://www.GiTho.de/Rkk/
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