lieber graffiti anstatt raketen!
es hat mittlerweile schon die kunstgeschichte verinnerlicht, graffitis können kunstwerke sein, viele sind es. sie sind in der art, wie sie sich mit dem begriff graffiti benennen, seit den frühen 60er in den USA im bewußtssein der gegenwart, ausdruck eines sprachlosen protestes gegen die leblose umwelt. es ein versuch seinen berreich zu markieren, sich die welt zu erobern, eine eigene welt aufzubauen, sie sichtbar zu machen.

viele kluge menschen haben sich in den letzen jahrzehnten mit diesem thema beschäftigt, graffitis sind ein teil der kunstgeschichte geworden, so wie sie es früher in anderer beschriebener form waren. ihre eigentliche entstehung und bedeutung wird in der gegenwart durch ihre vermarktung überdeckt. dies bezieht sich auf die ganze in verbindung dazu stehenden bewegung.

als künstler freu ich mich über gute graffitis, auch wenn sie eigentumsrechte berühren. als hausbesitzer würde ich mich über künstlerische graffitis auch freuen, die das haus "schmücken". das "nur" an die wand pinkeln würde ich wahrscheinlich strafrechtlich verfolgen lassen. als pädagoge mach ich mir so meine gedanken.

einen sinn für mich über dieses thema zu schreiben, sehe ich mehr oder weniger in der fragegestellung: "warum pinkeln die die wände an?, was steht dahinter?" es ist so, alles andere hat die kunstgeschichte, haben die, die vorher darüber schrieben schon geklärt, eine soziale, pädagogische frage.

bruno zacke sagt: "Für mich ist es ein Sympthom für Werteverlust," graffitis sind in aus den ghettos heraus entstanden. die menschen die aus ihrer armut und hoffnugslosigkeit heraus, aus dem erleben eines wild west kapitalismus mehr sein wollten als der boden der gesellschaft starteten eine bunte revolution. wenn jemand in der grauen trostlosigkeit der meisten städte nicht resigniert sonderen protestiert. wer hatte da die werte verloren, wer entwickelt seine eigene werte sucht in einer gesellschaft die schon lange die werte verloren hat identität. wer zeigt sein selbstgefühl, redet nicht, wie die welt sein sollte, wer macht sie anders?

schauen wir uns an wo die meisten graffitis sind, was wurde wertvolles übersprüht, wie geometrisch kalt, leer lieblos menschen(kinder)verachtend sind die städte, ist unsere umwelt von uns, unseren archtekten gemacht worden, welche werte sind da verloren gegangen?

ich beobachtete in einer gesellschaft ein kleines kind. alle redeten, lachten erzählten sich ihre geschichten, keiner beachtet den kleinen jungen. die erwachsenen waren unter sich und keiner wollte und konnte sich in die kinderseele hineindenken, das kind langweilte sich, keiner reagierte, nahm es wahr. da fing er an zu toben, trat er gegen sitzmöbel, warf gegenstände umher, kritzelte an die wand und nach mehreren ermahnungen rannte er schließlich die leute an. er wurde "lästig". die ermahnungen wurden immer deutlicher. plötzlich kümmerte man sich: "du bist ein böser junge, wie kannst du nur?" ... man kümmerte sich negativ, aber er wurde wahrgenommen, er merkte, 'man mag mich nicht aber ich lebe...' ich spielte mit ihm, war in der welt, die er verstehen und lieben konnte, in kurzer zeit war wieder alles ok bei ihm.

ein anderes erlebnis stand für mich am anfang meiner pädagogischen laufbahn. ich gab einen kurs, in dem kindern aus einem sozialen brennpunkt ein kreatives angebot gemacht wurde. ich war lieb, nett, verständnisvoll, so wie ich dachte, dass man sein sollte. zunehmend bekam ich schwierigkeiten. die kinder begannen, obwohl es ein interessantes angebot gab, immer mehr herumzutoben, "tanzten über tisch und stuhl", ein chaos. ich reagierte nett und verständnisvoll, wurde aber zunehmend generverter. irgendwann, es wurde von woche zu woche schlimmer, "platze mir der kragen", ich schrie fürchterlich laut die kinder an: "wollt ihr jetzt verdamt noch mal euch jetzt wohl mal hinsetzen!"

was geschah, die kinder wurden schlagartig sehr ruhig, setzten sich und wir konnten in zukunft wunderbar miteinander arbeiten. ich konnte auch in meiner freundlichen art mit ihnen weiterarbeiten, sie wussten nun ja, wenn er will, dann kann er ja... das war nun für mich kein rechtfertigen für agressieves verhalten den kindern gegenüber. ich verstand aber, dass ich nun die sprache, die sie von ihren eltern kennen, angewandt hatte. nun hatte ich ihnen in der für sie verständliche art gezeigt, ihr habt eine grenze erreicht. im erreichen dieser grenze merkten sie aber auch, der nimmt uns ja wahr, reagiert auf uns, dem ist es nicht gleichgültig was wir machen.

das waren so erlebnisse, durch die ich lernte, es ist wichtig kinder, jugendliche in ihren leben wahrzunehmen ihnen zu zeigen: "ihr seid etwas wert, ihr seid...ihr seid es mir wert in eure welt zu kommen...ich respektiere diese welt...natürlich mag ich nicht alles und das sage ich auch..." es ist für ihre selbstwahrnehmung durchaus auch wichtig, ihre grenzen zu erproben und zu erfahren. die gleichgültigkeit im miteinander zeigt ihnen aber eher das gegenteil. bei der zunehmenden perspektivlosigkeit die sich den jungenlichen anbietet, ist es fast ein wunder das die strassen noch so "ruhig" sind.

wenn in den städten kinder, die auf der strasse leben, die wie geschehen 60 mal wegen straftaten festgenommen werden, 60 mal, und das wussten die behörden, auf die strasse gesetzt werden, frag ich mich, wo sind die "übeltäter, wer hatte da werte?

wände anpinkeln nein. aber, elternhäuser, schulen, eine gesellschaft die so gleichgültig, kalt und lieblos gegen sich selber, und noch mehr den von ihnen abhängigen gegenüber verhalten. nein hoch drei.

die blinde revolution des sprachlosen ist die agression. wenn man selber sprachlos die sprachlosigkeit und wahrnehmungfähigkeit des anderen wahrnimmt protestiert, diskutiert reagiert, agiert man nicht mit worten. sind die sprayer vielleicht die wahren helden unserer gesellschaft, sie fühlen und reagieren haben noch nicht resigniert? sie versuchen mehr oder weniger talentlos sich die welt bunt zu machen.

wir können alle gesellschaftschichten, staaten, politische und gesellschaftliche gruppen beobachten. wenn die eigene fähigkeit zu reden aufhört, oder nicht vorhanden ist, beginnt die agression. wenn man weder sich noch weniger den anderen wahrnehmen kann, beginnt, wenn der andere auch in seiner wahrnehmungsunfähigkeit begrenzt ist, in einer wachsenden eskalation die agression, das den andereren vernichten verletzen wollen, das angreifen.

ein gutes beispiel geben israel und palestina, dort ist die sprachlosigkeit und wahrnehmungsfähigkeit des anderen in sinnloses zerstören umgeschlagen. wie schön wäre es, wenn sharon seinen frust über arafat in graffiti abreagieren würde, statt dessen schickt er panzer und raketen.

wir kenne alle die destruktiven, zerstörerischen verhaltensweisen, in die kinder und jugendliche hinnein gerutscht sind. teilweise hat die gesellschaft angst vor ihnen und resigniert stumm, siehe die zunehmende gewalt jugendlicher gegen sozial schwache, ausländer, obdachlose usw..., es gibt landschaften in deutschland, da zeichnet die polizei das aggressive verhalten von jugenlichen auf, hat aber angst einzugreifen.

sehen wir das, sind unsere sprayer ja doch engel. sie befreien sich von ihrem frust auf relativ harmlose art. so seh ich gerade auch bei gilbert parrallen zu dieser aussage, er sagt: "Zum einen geht es den Kindern ja genau darum, gegen die einsichtig vermittelten Werte der elterlichen Zivilisation zu rebellieren und zum anderen gehen Werte ja nicht verlustig, ohne dass an ihre Stelle neue gesetzt würden." nur, die vermittelten werte sind ja nicht glaubhaft und deswegen wertlos. es wird versucht, werte zu vermitteln, die die erwachsenen selber nicht leben, jugendliche nicht erleben. wie soll ich einem jugendlichen sagen: "du musst ehrlich sein". er sieht die tagesschau, sieht das eine ehemaliger kanzler ohne reue und konsequenz der gesellschaft kriminelles verhalten zeigt. er sieht, dass unternehmen wachsende gewinne haben, die umwelt zerstören, seinen vater aber vor die tür setzen. er geht durch städte die ihm sagen, hier ist kein platz für dich. wenn es sie noch nicht gäbe könnte man romane darüber schreiben welch ein werteverfall die kinder und jugenlichen erleben.

in einer dann doch netten art, "ich mal mir euch ein bild", wie kleinkinder die wohnung der eltern bemalen setzen sie ihre zeichen. "guckt mal ich lebe, ich bin ein ich". und manche zeigen dabei ihr talent. sehen es bewusst auch als abenteuerliche künstlerische leistung, verwirklichen sich so wie wir künstlerisch.

das verständiss hört natürlich auf, wenn mir einer mein auto vollsprayt, ...irgendwie sind wir alle auf einem falschen weg, wissen, ziehen aber keine konsquezen aus unserem wissen ...einerseits denk ich mir, warum ist er sprachlos - zeige, denke verständnis - andererseits mag ich immer weniger sprachlose aggresion.

nicht erst seit dem 11.september 2002, dadurch aber enorm verstärkt, denke ich, es muss sehr sehr schnell sich einiges in unserer gesellschaft bewegen... terror in dieser form natürlich nein! aber, wenn ich diesen terror nicht will, dann heißt es nicht nur kampf gegen den terror. da gibt bei unseren freunden und verbündeten einiges weswegen man auch ihnen auf die finger klopfen sollte... da gibt es seit jahrzehnten gesellschaftliche entwicklungen auf die die politik mit waschmittelreklame antwortet. ...und leider verfällt anscheinend auch good old amerika, nach demonstrierten ansätzen von wahrnehmungfähigkeit wieder in sprachlosigkeit, alle sprayer dieser welt haben viel zu tun, wollen sie dabei mithalten. das immer offener deutlich werdende kriminelle verhalten angeblicher führungkräfte, politiker. wie bedeutungslos vom kriminellen standpunkt aus sind da die graffitis. an was soll ein junger mensch glauben. an die sprüche seiner eltern, der politker, der wirtschaftsbosse die etwas anderes tun als das, was sie dem jungen menschen sagen. mit welchem recht wollen wir sie bestrafen?

die konsequenz wird nur in der strafe gesehen. wobei es auch durchaus die erwartungshaltung gibt, bestraft zu werden. die konsequenz seines eigenen verhaltens zu erleben zeigt ja auch (leider in einer negativen form), ich werden wahrgenommen (dazu hat gilbert auch gute worte geschrieben) und ein junger mensch wächst auch (aber doch nicht nur) an den grenzen die gesetzt werden. dies ist aber nur der 2. teil der reaktion, die die gesellschaft auf das sprayen zeigen sollte. wieder muss man daran erinnern, dass diese signale der jugend schon über 30 jahre gesendet werden, was haben die empfänger in der zeit getan?

soll man an eine gesellschaft glauben, die ein solches verhalten sicher zu recht kriminalisiert, aber nicht reagiert? bei "verhaltensauffälligkeiten" von kindern gibt es wissenschaftlich untermauert inzwischen durchaus den standpunkt: "nicht das kind ist krank, die umwelt ist krank und muss therapiert werden."

die gesellschaft, die nicht viel anderes zu tun hat, als nach strafe zu rufen, diese gleichgültige gesellschaft sind wir. ich glaube es ist an der zeit deutlicher zu werden, denn es gibt in absehbarer zeit noch kein kaufhaus in dem wir eine neue erde kaufen können. und das lager an geklonten kindern, in dem wir, nachdem wir die kinder und jugenlichen, die stören, entsorgt haben, neue abholen ist noch leer.

...immer wieder, wie eine welle,... wie ein tropfen der ins wasser fällt... schließlich ist das wasser so viel...es bewegt...reden wir uns den kopf heiß...so voll, bis dass wir sagen: "nun fangen wir mal endlich an und machen es andrers... bis dahin werden noch viele viele farbdosen gekauft.

nun, was hat das alles mit kunst zu tun? ich hörte kürzlich wieder (es beuyst überall): "alles ist kunst", also ist alles gestaltung alles leben. indem ich die sozialen wirtschaftlichen probleme wahrnehme, in meiner sprache darauf reagiere mache ich kunst.

künstler waren oft und immer "anstößig". dann sind ja eigentlich auch die sprayer, auch die die nur pinkeln künstler? ja und wenn ein auto angesprayt, angekratzt ist, warum nicht. "macht kaputt was euch kaputt macht".

"Eigentum ist bekanntlich, na sagen wir: Illusion." sagt tammo sepelt. ein auto ist auch nur ein auto, kein mensch, hat nicht die seele eines menschen und obwohl der motor so heiß wird, hat es nicht die wärme die ein mensch hat, haben und geben. aber, illusionen die mir, solange ich es nicht anders kann das leben erleichtern, da werde ich etwas eigentumssüchtig. davon ab, so darauf zu reagieren "macht mal ruhig" ignoriert auch wieder die jugendlichen. wenn sie wüßten es stört keinen, alle akzeptieren, dass wir sprayen. warum dann weiter sprayen, wie sollten sie dann ihre sprachlosigkeit ausdrücken?

Erhard Arendt macht u.a. artnetwork-dreixtel-plus-1

ASA, assoziation der schweizerischen aerosolindustrie
LK berlin - wolfgang witte
http://www.beepworld3.de/members6/mattschie/graffiti.htm